WAL & MORAL
Das Meer schaut uns an.
Ein Wal strandete in der Ostsee.
Warum?
Keiner weiß das so genau. Nur der Wal. Aber
der blieb stumm.
Vielleicht hatte er sich verirrt. Vielleicht
war er krank. Vielleicht suchte er einen ruhigen Platz zum Sterben. Das Meer
hat schließlich keine Hospize.
Aber den ruhigen Platz bekam er nicht. Denn
Tiere dürfen nicht sterben. Jedenfalls nicht vor unseren Augen. Der Tod ist
inzwischen ein moralisches Versagen. Der Tod des Einzelnen: die
Klimakatastrophe im Taschenformat. Empörend. Wir müssen was tun.
Also wird an dem armen Tier gezerrt und
gezogen. Es wird beruhigt, vermessen, gewendet, gerettet, fotografiert und
zurückgeschleppt — womöglich genau dorthin, wovor es geflohen war. Aber was
zählt schon der Wille eines einzelnen Wales gegen die moralische
Entschlossenheit der Rettenden?
Der Wal schweigt.
Vielleicht, weil er weise ist.
Vielleicht, weil er denkt: Ihr seid nicht
ganz dicht.
Es ist ein wunderbares Paradebeispiel für
unsere hohldrehende Übermoral. Für eine Zeit, in der die Geste der Hilfe oft
wichtiger geworden ist als das Wesen, dem geholfen werden soll.
Wir kennen das.
Worte werden umbenannt, bevor jemand gefragt
hat, ob er wirklich dadurch erlöst wird. Kinderbücher werden bereinigt, als sei
Geschichte ein Teppich mit Rotweinflecken. Alte Lieder werden verhört. Alte
Filme bekommen Beipackzettel. Figuren aus der Vergangenheit werden behandelt
wie Patienten auf einer Intensivstation für moralisch Verdächtige.
Alles muss gerettet werden.
Vor Schmerz.
Vor Ambivalenz.
Vor falschen Begriffen.
Vor falschen Erinnerungen.
Vor dem Leben selbst.
Das Problem ist nur: Das Leben macht da
nicht mit.
Es bleibt schmutzig. Zweideutig. Komisch.
Grausam. Heilig. Es riecht nach Tang, Blut, Sonnencreme und Ende. Es bringt
Kinder hervor und frisst Sterne. Es ist nicht korrekt. Es ist nicht safe. Es
ist nicht diversitätssensibel kuratiert.
Es ist.
Und zu diesem Ist gehören Polarität und Tod.
Tag und Nacht.
Nähe und Abstoßung.
Geburt und Verfall.
Atem und letzter Atem.
Wal und Strand.
Wer das nicht aushält, wird nicht
mitfühlender. Er wird übergriffig.
Denn wer den Tod nicht erträgt, zerrt am
Sterbenden.
Wer Widerspruch nicht erträgt, verbietet
Sprache.
Wer Ambivalenz nicht erträgt, sortiert
Menschen.
Wer Wirklichkeit nicht erträgt, nennt seine
Angst Moral.
Vielleicht wollte der Wal nicht gerettet
werden.
Vielleicht wollte er auch nur aus der
Nordsee raus, wie andere Leute aus WhatsApp-Gruppen.
Wir wissen es nicht.
Und vielleicht wäre genau das der Anfang von
Würde: es einmal nicht besser zu wissen. Nicht sofort zu retten, zu posten, zu
deuten, zu empören.
Sondern stehen bleiben.
Hinschauen.
Aushalten.
Ein Wal lag am Strand.
Und für einen Moment schaute uns das Meer an.
Wir haben es nicht ertragen.


